Schreiben am Meer

Meer Schreiben: Berichte aus einem DIY-Schreibaschram

Im September 2016 waren wir zusammen in Neu Schönau unter haben dort einen wunderbar inspirierenden Schreib-Aschram unter der Leitung von Katja und Ingrid erlebt. Wir haben viel aus dieser Zeit in unseren Schreiballtag mit genommen, darunter auch den Wunsch, mehr und immer wieder mit anderen zusammen zu schreiben. Eine besondere Erfahrung war der Aschram auch deshalb, weil wir als Gesamtgruppe so gut zusammen funktioniert haben. Schon im Zug entstand auf der Rückreise deshalb die Idee im nächsten Jahr einen selbst organisierten Aschram durchzuführen. Nach den natürlichen Schrumpfungsprozessen und der Konfrontation mit dem echten Leben ist dabei eine Reise zu viert herausgekommen: Eine Woche Aschram auf Norderney im Februar 2017. Eine Woche Aschram unter anderen Vorzeichen! In einer kleinen Gruppe, die sich selbst den Takt gegeben hat und zwischendurch auch ein paar Dinge des Alltags geregelt kriegen musste, z.B. Einkaufen und Kochen. Untergebracht waren wir im Haus Waldeck. Ein Gästehaus mit Ferienwohnungen und einem Frühstücksraum, in dem wir mit Blick aufs Meer schreiben durften. Auch hier gab es ein paar Herausforderungen, denn andere wollten den Raum auch ihre Weise nutzen und nicht überall sind Schreibende vor Freßfeinden geschützt wie in ihrem Habitat in Neu Schönau. Aber Ende gut – alles gut. Hier nun vier kleine Einblicke in unseren Aufenthalt…

Der Schreibaschram Gong

Ein Gong geht auf Reisen – Interview auf Norderney im Februar 2017

Verehrter Gong, Sie sind nun von Berlin nach Norderney gereist. Wie war die Reise?

Dunkel, ich habe kaum etwas gesehen. Die Reise selbst verlief deshalb recht ereignislos. Ich konnte mich gut entspannen und war gleichzeitig neugierig auf die kommenden Tage. Wie kommt es, dass Sie auf Norderney gebraucht werden?
Nun, ich werde gerne als Taktgeber im Tagesablauf eingesetzt. Ob Festland oder Insel, das spielt für mich überhaupt keine Rolle. So diene ich hier momentan einer kleinen Schreibgruppe, die sich in eine einwöchige Enklave zum Schreiben an die Nordsee begeben hat.

Eine Enklave? Wie kommt eine schreibwillige Gruppe auf diese Idee?

Ich lernte die vierköpfige Gruppe als Teil des Schreib-Aschrams in Neu Schönau kennen. Das war, glaube ich, im September 2016. Ja. Dort wurde eine Gruppe von ungefähr zwanzig schreibhungrigen Getriebenen fachkundig an eine feste Tagesstruktur mit Phasen des fokussierten Arbeitens, aber auch mit bewussten Pausen gewöhnt.

Und dann?

Den Ashram sehen viele als eine Möglichkeit sich neu zu fokussieren und dort eingeübte Strategien mit in ihren Schreiballtag zu integrieren. Das Grüppchen, das ich jetzt im Februar auf Norderney begleite, war sich bereits auf der Rückfahrt von Neu Schönau sicher, dass man eine solch produktive Schreiberfahrung unbedingt wiederholen müsste, vielleicht auf eigene Faust, vielleicht an einem anderen Ort.

Man einigte sich auf einen Termin und traf sich also auf Norderney.

Richtig.

Und wie kommt es, dass Sie als Gong nun gerade hier unterstützend wirken? Soweit ich recherchiert habe, werden Sie prinzipiell von erfahrenen Schreibcoaches eingesetzt. Wissen Sie, gerade erfahrene Trainer geben ihre Kenntnisse gerne weiter und ermutigen Lernende zu eigenen Projekten. So auch hier. Meine Übergabe in die Hände dieser kleinen autonomen Schreibgruppe sehe ich als einen Vertrauensbeweis.

Hm. Inwiefern?

Wahrscheinlich halten Sie mich jetzt für überheblich, aber es gibt sogar mehrere Gründe, warum es eine geniale Idee war, mich hierher zuschicken. Zum einen transportiere ich als Taktgeber, aber auch als symbolischer Staffelstab das Vertrauen der Trainerinnen in das Gelingen der autonomen Organisation dieser Schreibwoche nach den Regeln des Schreib-Aschrams. Zum anderen wird in der Schreibgruppe, die mich nun selbst benutzen darf, durch jeden Gongschlag die nun selbst übernommene Verantwortung für die Organisation des Schreiballtags erneut ins Bewusstsein gerufen. Und nicht zuletzt, tat es dem Unterfangen, meiner bescheidenen Meinung nach, unheimlich gut, in dem Wissen zu handeln, dass die Trainerinnen der Schreibenden hinter ihnen stehen und ihre Idee wertschätzen.

Fragen und Aufzeichnung von Linda Weiß 

Schreibdüne

Schreiben wenn man nicht schreibt*

Im Restaurant bekommen wir noch einen Vierertisch. Morgen geht’s los und wir sind ein bisschen aufgeregt.

Den ersten Morgenspaziergang am Meer. Dauerberieselungsschrott rausblasen lassen. Einatmen und weit blicken. Die Augen schließen und sehen.

Blumenkohlcurry nährt nicht nur den Leib. Der Geruch hängt noch Tage später in der Appartmentküche.

Beim Schreiben rausschauen und über die Promenade hinweg aufs Meer schauen. Die unscharfe Weite tut dem Geist so gut.

fikaIn die nächste Welle springen. Im Badehaus geht das auch im Winter. Hinterher klebt Salz auf unserer Haut.

Yoga bei Herrn Mücke macht müde Glieder wieder munter und entspannt. Mutter Erde trägt uns.

Die Schokomuffins sind noch saftig. Das Cellophan liegt auf dem Tisch und wir kichern uns eins.

* Manche nennen das Pause

Pausen-Protokoll: Swantje Lahm


Über die doppelten Rollen im selbstorganisierten Schreib-Ashram

Als Teilnehmer des organisierten Schreib-Aschrams, konnten wir uns vollkommen auf unser Schreibprojekt konzentrieren, abgeschirmt von allen anderen Verpflichtungen. Als Teilnehmer eines selbstorganisierten Schreib-Ashrams, bleibt es jedoch nicht aus, neben unserer Rolle als Schreibende gleichzeitig auch in die Rolle der Organisatoren, Zeitplaner und Köche zu schlüpfen. Dabei müssen wir uns den Raum zum Schreiben viel stärker erkämpfen.

Auch im Alltag sind wir ständig mit diesen Gegensätzen konfrontiert. Wir nehmen nicht nur die Rolle der Schreibenden, sondern gleichzeitig auch die Rolle der Mitarbeiter, Partner oder Eltern ein. Auch hier müssen wir uns täglich unseren Raum zum Schreiben erkämpfen.

Der selbstorganisierte Schreib-Ashram hat uns geholfen mit unseren Schreibprojekten voranzukommen, aber hat uns gleichzeitig bestärkt uns den Raum zum Schreiben zu erkämpfen und unsere Rolle als Schreibende zu verteidigen.

Erfahrungsbericht: Janna Hohn

Arbeiten, wo andere Urlaub machen…

Wir hatten uns dem Regime des Gongs unterworfen und versuchten eine Wiederaufführung von Neu Schönau – unter veränderten Vorzeichen und mit ungewissem Ausgang. Ein Experiment: Schreiben mit Blick aufs Meer und Kochen mit dem Crock-Pot, Meditieren auf dem aufblasbaren Nackenkissen von Ikea und immer auf der Suche nach der eigenen Teetasse. Wir haben beim Schreiben manchen ungläubigen, befremdeten oder belustigten Blick von vor dem Fenster vorbeispazierenden oder -radelnden Erholungssuchenden geerntet. „Sie lernen aber fleißig! Toll!“, werden wir gelobt, und sind erst leicht amüsiert, dann etwas gekränkt. Schließlich sind wir nicht zum Spaß hier! So ist das, wenn man dort arbeitet, wo andere Urlaub machen…

Doch wir trotzen diesen Widrigkeiten und der Ashram-Takt treibt uns an. Ab und zu gerät er dennoch in Konflikt mit der sogenannten normalen Außenwelt: so wären wir einmal fast zu spät zum allabendlichen Meditieren gekommen, weil der Kellner im Restaurant eine gefühlte Ewigkeit nicht zum Abkassieren kam. Er konnte ja auch nicht wissen, dass wir auf der Urlaubsinsel unter enormem Zeitdruck standen, sahen wir doch auf den ersten Blick aus wie ganz gewöhnliche Feriengäste. Als wir endlich bezahlt hatten, beeilten wir uns, in unseren improvisierten Meditationsraum zu kommen, der eigentlich das Wohnzimmer einer der Ferienwohnungen war. Der Zeitplan musste unter allen Umständen eingehalten werden! Und es hätte nur noch gefehlt, dass eines der vielen Kaninchen, die unseren Weg kreuzten, eine Taschenuhr hervorgezogen und gemurmelt hätte: „Oh weh! Oh weh! Ihr werdet zu spät kommen!“ Es hätte mich in diesem Augenblick nicht besonders gewundert, aber ein weißes Kaninchen habe ich dann doch nirgendwo entdecken können…

Am Ende der Woche haben wir viel geschrieben, gegrübelt und mit uns selbst und dem Text gerungen, aber auch gelacht, geredet, gekocht und die Insel erkundet. Frierende Fastende und unerschütterliche Eisbadende, fröhliche Fensterputzer und emsig kommunizierende Kaffeetrinker, freundliche Eingeborene und inselbegeisterte Zugezogene sind uns dabei begegnet. Dünenspaziergänge, Workshops auf der Sonnenterrasse, Yogastunde im Kindergarten, Planschen im Wellenbad und Saunieren im Erdhügel gehörten dazu.

Wir waren nicht zum Spaß auf Norderney, aber Spaß gemacht hat es trotzdem…

MS

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