Wir sind verwundbar

Jetzt werden wir wesentlich! In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer zu den wirklich engsten Freunden gehört. Die Kreise ziehen sich enger. Sie werden echter. — Wer meldet sich? Bei wem will ich mich melden? Und wie geht es mir mit meiner Familie? Mit wem möchte oder muss ich diese zerbrechlichen Tage verbringen? Die gleiche Luft atmen. Und so kommt auch Klarheit in Liebesbeziehungen. Die Partnerschaft, die vielleicht auch schon ohne Pandemie in der Krise war, wird nun entweder unerträglich oder sie erneuert sich. — Was fällt ab? Was kehrt zurück? Wir werden es herausfinden.

Spätestens in diesem Tagen merkt auch jede:r von uns, wie wichtig oder wie bedeutungslos der eigene Job ist. — Kann er zur Bewältigung dieser Krise etwas beitragen? Wie will ich in Zukunft wirken, wenn wir uns als Gesellschaft wieder aufbauen? Meine Arbeit wie sie bisher war, ist jetzt erstmal komplett abgesagt. Vermutlich teile ich unverhoffterweise bald eine Erfahrung mit meinen Omas und werde eine „Trümmerfrau“. Was für ein Jobtitel!
Zunächst gilt es für mich, die Zeit zu verleben, Hygiene zu pflegen, vor allem mediale und mentale. Ich will der Verunsicherung begegnen. Fehlendes Vertrauen verstärkt die Krise, genau wie extremes Einkaufen. Ich habe mich entschlossen zu vertrauen.

Diese Krise ist eine Chance, nicht nur neue Werte zu entwickeln, sondern sie auch zu leben. Alle spüren in diesen Tagen eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die bei Edeka im Akkord Regale befüllen. Bereits jetzt wird allerorts eine satte Lohnerhöhung für Pflegekräfte gefordert. Das wurde immer abgetan. Wer kann heute noch ernsthaft dagegen sein? Die Pandemie macht uns kollektiv weiser.
Die Gelegenheit ist da, diese Welt neu einzurichten! Wir sind alle gleich. Diese Information ist natürlich kein bißchen neu. Der Virus macht es nun eindringlich, ja, virulent. Denn er macht vor keinem von uns Halt. Er kriegt uns alle. Eigentlich macht das bereits der Tod (sogar noch viel effektiver!), aber den verdrängen wir systematisch. Wir erkennen nun doch mit einer gewissen Verblüffung an: wir sind unterschiedslos mensch. „Verwundbarkeit“, schreibt die französische Philosophin Simone Weil, „ist ein Merkmal der Existenz.“ Weil wir das nun begreifen, steht unser Leben Kopf.

Plakat K. Kais & I. Scherübl, Berlin 2012

  

Wir sind verwundbar

Jetzt wird’s wesentlich! In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer zu den wirklich engsten Freunden gehört. Die Kreise ziehen sich enger. Sie werden echter. — Wer meldet sich? Bei wem will ich mich melden? Und wie geht es mir mit meiner Familie? Mit wem möchte oder muss ich diese zerbrechlichen Tage verbringen? Die gleiche Luft atmen. Und so kommt auch Klarheit in Liebesbeziehungen. Die Partnerschaft, die vielleicht auch schon ohne Pandemie in der Krise war, wird nun entweder unerträglich oder sie erneuert sich. — Was fällt ab? Was kehrt zurück? Wir werden es herausfinden.

Spätestens in diesem Tagen merkt auch jede:r von uns, wie wichtig oder wie bedeutungslos der eigene Job ist. — Kann er zur Bewältigung dieser Krise etwas beitragen? Wie will ich in Zukunft wirken, wenn wir uns als Gesellschaft wieder aufbauen? Meine Arbeit wie sie bisher war, ist jetzt erstmal komplett abgesagt. Vermutlich teile ich unverhoffterweise bald eine Erfahrung mit meinen Omas und werde eine „Trümmerfrau“. Was für ein Jobtitel!
Zunächst gilt es für mich, die Zeit zu verleben, Hygiene zu pflegen, vor allem mediale und mentale. Ich will der Verunsicherung begegnen. Fehlendes Vertrauen verstärkt die Krise, genau wie extremes Einkaufen. Ich habe mich entschlossen zu vertrauen.

Diese Krise ist eine Chance, nicht nur neue Werte zu entwickeln, sondern sie auch zu leben. Alle spüren in diesen Tagen eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die bei Edeka im Akkord Regale befüllen. Bereits jetzt wird allerorts eine satte Lohnerhöhung für Pflegekräfte gefordert. Das wurde immer abgetan. Wer kann da heute noch ernsthaft dagegen sein? Die Pandemie macht uns kollektiv weiser.
Die Gelegenheit ist da, diese Welt neu einzurichten! Wir sind alle gleich. Diese Information ist natürlich kein bißchen neu. Der Virus macht es nun eindringlich, ja, virulent. Denn er macht vor keinem von uns Halt. Er kriegt uns alle. Eigentlich macht das bereits der Tod (sogar noch viel effektiver!), aber den verdrängen wir systematisch. Wir erkennen nun doch mit einer gewissen Verblüffung an: wir sind unterschiedslos mensch. „Verwundbarkeit“, schreibt die französische Philosophin Simone Weil, „ist ein Merkmal der Existenz.“ Weil wir das nun begreifen, steht unser Leben Kopf.

Plakat K. Kais & I. Scherübl, Berlin 2012